„Man darf nie aufgeben“

Andi Görlitz hat in seiner Karriere schon Höhen und Tiefen erlebt. Ein Gespräch über den Wechsel in die zweite Liga, Rockmusik und den Glauben an die eigene Stärke.

Andi, Du bist vom deutschen Rekordmeister und Champions-League-Finalisten FC Bayern zu einem Aufsteiger in die zweite Liga nach Ingolstadt gewechselt. Ein Rückschritt?
Ganz im Gegenteil, ein Schritt nach vorne.

Inwiefern?
Nun, ich habe beim FC Bayern in der vergangenen Saison keine große Rolle gespielt. Der Trainer hat mir zwar immer bestätigt, dass ich gut trainiere und mich auch fast immer in den Kader geholt – aber auf den Platz geschickt hat er mich selten.

Du wolltest also wieder spielen.
Ganz genau. Ich bin ja nicht Fußballer, um auf der Bank zu sitzen, sondern um Fußball zu spielen.

Wie man hört, hättest Du auch in der ersten Liga oder der Premier League spielen können.
Es gab Angebote aus der Bundesliga und aus England, aber entweder hat es einfach nicht gepasst, oder die Gespräche zogen sich ewig hin. Ich wollte aber früh ins Training mit der neuen Mannschaft und mich nicht hinhalten lassen.

Also hast Du bei Ingolstadt schnell zugegriffen?
Ziemlich schnell, ja. Hier hat einfach alles gepasst – vor allem der Trainer und sein Konzept haben mich überzeugt. Das Gesamtpaket und mein Gefühl haben gestimmt.

Und wie bist Du an der Donau angekommen?
Sehr gut, danke. Ich wurde schnell und freundlich im Team aufgenommen und habe eine nette Wohnung in Ingolstadt, ich fühle mich wohl hier.

Wie siehst Du deine Position im Team?
Ich spreche viel mit meinen Mitspielern, vor allem auf dem Platz. So versuche ich meine Erfahrung einzubringen.

Leitwolf Görlitz?
Verantwortung zu übernehmen und Führungsspieler zu sein, ist schon mein Anspruch – und stand übrigens auch in meiner Stellenbeschreibung (Lacht.).

Wie schöpfst Du nach der enttäuschenden Saison bei Bayern Optimismus und Mut für die Spielzeit mit den Schanzern?
Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass sich die Dinge im Fußball ganz schnell ändern können.

Du spielst auf deine lange Verletzungspause zwischen November 2004 und Januar 2007 an.
Genau. Es lief gerade richtig gut für mich. Ich habe zweimal in der Nationalelf gespielt und mit Bayern in der Champions League – und dann wusste ich plötzlich nicht mehr, wann und wie es weiter geht, ob es überhaupt weitergeht. Aber immerhin habe ich in der Zeit noch etwas gelernt.

Und zwar?
Man darf nie aufgeben.

Gab es keine Momente, in denen Du dachtest: Das wird nichts mehr?
Nicht mit dieser Endgültigkeit. Natürlich macht man sich zwangsläufig Gedanken, wenn man eineinhalb oder zwei Jahre in der Reha verbringt und nicht richtig vorwärts kommt. Alles andere wäre ja auch seltsam.

Wie bist Du damit umgegangen?
Ich habe immer an mich geglaubt und gekämpft. Ich wollte mir nicht irgendwann mal selbst vorwerfen, nicht alles versucht zu haben. Außerdem wurde ich in schwierigen Situationen immer wieder aufgefangen.

Von wem?
Von meiner Familie, meinen Freunden. Auch Bayern-Manager Uli Hoeneß und mein Physiotherapeut beim FCB, Oliver Schmidtlein, der mich durch die Reha begleitet hat, haben mir immer wieder Mut zugesprochen. Und natürlich hat auch die Musik eine Rolle gespielt.

Die Musik?
Ich habe mir in meiner Verletzungszeit das Gitarrespielen beigebracht. Daraus ist mit Freunden später das Projekt Room77 geworden. Die Musik hat mich abgelenkt, ich konnte abschalten und neue Energie sammeln. Das war extrem wichtig.

Hast Du mittlerweile noch Probleme mit dem operierten Knie?
Überhaupt nicht.

Du kannst also voll durchstarten?
(Lacht.) Ich hoffe es. Ich freue mich, jetzt hoffentlich wieder viel Zeit auf dem Rasen zu stehen. Wir werden Schritt für Schritt machen – und dann schauen wir mal, wo wir am Ende landen. Ich bin jedenfalls sicher: In unserem jungen Team steckt viel Potenzial.